29. April 2026, 19:00
Universität Zürich, Theologische und Religionswissenschaftliche Fakultät,
Kirchgasse 9, 8001 Zürich
KIR-103
Es ist bemerkenswert, welches Interesse die klassisch-metaphysischen „Gottesbeweise“ selbst in einem sogenannten postmetaphysischen Zeitalter immer wieder zu wecken vermögen. Die Frage nach der Existenz Gottes und dessen Erkennbarkeit wird in der akademischen Welt seit der europäischen Aufklärung oft als rein logisch-epistemologisches Problem behandelt, das durch öffentliche, allgemein zugängliche Argumente scheinbar entschieden werden kann. In der heutigen akademischen Realität gilt dieses Problem zudem größtenteils als längst erledigt und kann somit bedenkenlos ignoriert werden. In dieser Sichtweise erfordern sogenannte Gottesbeweise – wie etwa das ontologische Argument Anselms von Canterbury oder die quinque viae des Thomas von Aquin – keine besonderen Tugenden, Verhaltensweisen oder religiösen Vollzüge, sondern lediglich, dass man einen funktionierenden Verstand besitzt, um deren Pointe zu verstehen.
Dem gegenüber steht eine ebenso moderne, aber gegenläufige Tradition, die eine untrennbare Verbindung zwischen religiösem Wissen und praktischem Lebensvollzug postuliert. Denker wie Pascal, Luther oder Barth sahen das Erkennen der Wahrheit nicht als isolierten intellektuellen Akt, sondern als eingebettet in die Nachahmung frommer Taten, die Erfahrung des Herzens oder den Glauben als Werk Gottes am Menschen. In Anlehnung an Wittgenstein wird hier oft argumentiert, dass die Bedeutung theologischer Sätze nur von jenen wirklich verstanden und geteilt werden kann, die auch an der entsprechenden Praxis – wie dem Gebet oder der gelebten Solidarität mit den Ausgegrenzten und Vergessenen dieser Erde – teilnehmen. Ein Gottesbeweis ist so gesehen kein abstraktes logisches Gedankenspiel, sondern entfaltet seinen „wahren“ Sinn erst innerhalb einer gelebten religiösen Lebensform, welche die Tiefen und Untiefen der Vernunft ausloten muss, um sich selber zu verstehen.
In diesem Workshop wollen wir u.a. der Frage nachgehen, ob sich der scheinbare Gegensatz zwischen dem „Gott der Philosophen“ und dem „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ unter heutigen Denkbedingungen weiterhin aufrechterhalten lässt, oder ob die dahinterstehende Gegenüberstellung von Vernunft und Offenbarung einer längst überfälligen Dekonstruktion harrt.